Ich hab den Längsten!

Zumindest in der Nachbarschaft galt diese Parole an einem Wochenende im letzten Jahrzehnt. Es ging bei dieser Aussage natürlich nicht um die primären Geschlechtsteile aller männlichen Nachbarn, sondern dem Blogtyp entsprechend um etwas Motorisiertes. Einen Wagen. Genauer gesagt um eine Lincoln Town Car Stretchlimousine aus dem Jahr 1989. Dieser weiße Riese wurde von meinem Bekannten selten bewegt, also weckte ich den Lincoln spaßeshalber aus seinem damals bereits 6 Monate andauernden Dornröschenschlaf und drehte mal ein paar Runden mit ihm.

Erster Zwischenstopp: Tankstelle! In Windeseile wurden ein paar Euros in bleifreies Benzin verwandelt und der Staub von der Frontscheibe gewischt, um wenigstens ansatzweise etwas von der Straße erkennen zu können. Nächster Halt: bei uns vor der Tür. Die schräg angeordneten Parkbuchten vor unserer damaligen Wohnung waren natürlich viel zu klein. Immerhin war der Lincoln rund 7,20 m lang (für amerikanische Verhältnisse also eher eine kleine Stretchlimo), Parkplatzprobleme waren hierzulande naturgemäß vorprogrammiert. Schnell einfach der Länge nach halb auf den Bürgersteig gestellt. Es war spät abends, sollte demnach keine Probleme geben.

Am nächsten Morgen schaute ich erst einmal, ob noch alle Anbauteile vorhanden sind. Dann rollte ich fix mit der Familie Richtung Aldi. Nach dem Einkauf noch schnell den umherstehenden und ungläubig Dreinschauenden das Interieur präsentiert und dann die ganzen Leckereien verpackt. Das Platzangebot im Kofferraum war riesig, was hier nicht mehr reinpasste, wanderte einfach in den Passagierraum.

Der staubige Gesamteindruck trübte die Freude dann doch ein wenig, somit stand die nächste Station fest: die Waschbox. Zehn dieser Boxen in Reihe, rege frequentiert. Mir war es egal, ich nahm die Variante für LKW. Da waren die Schläuche länger. Schnell zum Häuschen des Betreibers: “Ich bräuchte etwas Kleingeld, 10 Euro sollten für den Anfang genügen.” Betreiber: “Ich habe den Wagen gesehen. Wenn es nicht reicht, kommen Sie einfach wieder.” Es sollte reichen, da die Reinigung doch recht schnell von Statten ging und bereits ein LKW-Fahrer ungeduldig den Lincoln umkreiste. Kurz die üblichen Fragen beantwortet (Motorisierung = 5-Liter-V8, Baujahr = 1989, ab 1990 waren sie rundgelutschter) und den Platz geräumt.

Nach einem Tag Spaß, vielen sich drehenden Köpfen, noch mehr Fragen und einem weiteren Tankstellenbesuch (mit eindeutigem Angebot der Kassiererin: “Um 15.00 Uhr habe ich Feierabend!”) fand ich tatsächlich einen Parkplatz (zwei bis drei Nachbarn waren wohl fast zeitgleich weggefahren), also schnell rückwärts eingeparkt (OK, schnell stimmt nicht) und abgeschlossen.

Rückgabe am nächsten Tag. Dieser begann nicht gut. Der Dreh des Schlüssel bewirkte ein ratterndes Geräusch und gewährte einen Blick auf immer schwächer glimmende Kontrollleuchten. Na toll! Aber da gab es doch bei den unzähligen Knöpfchen für den Kofferraum, diverse Beleuchtungen, die Trennwand, die Fensterheber, etc., auch einen Knopf für den Wechsel von Batterie 1 zu Nummer 2. Welch ein Glück. Knopf gedrückt, Schlüssel gedreht, WRUMMM! Noch schnell den Nachbarsjungen im Heck probesitzen lassen und wieder zurück in die Halle damit.

Bei weiteren Fahrten im Nachgang war ich immer erstaunt, wie leicht sich so ein Geschoss fahren lässt, so lange es vorwärts geht. Beim Rückwärtsfahren ist so eine Stretchlimousine dann doch etwas unübersichtlich. Mittlerweile hat der Lincoln leider den Besitzer gewechselt, aber vielleicht habe ich ja noch mal die Gelegenheit, so einen weißen Riesen zu bewegen.

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