Falsche Geschwindigkeit – oder: Autofahreralltag

Manchmal passen die Geschwindigkeiten zweier Teilnehmer nicht immer so gut zusammen. Das führt zwangsläufig zu Spannungen, die von den anderen Verkehrsteilnehmern aber meist gar nicht mehr genommen werden.

In der Stadt / Auf der Landstraße

Man fährt mit grob geschätzten 53 km/h eine Hauptstraße lang. In weiter Ferne mündet von rechts eine Seitenstraße ein. Dort steht natürlich ein Wagen. In der scheinbar irrsinnigen Annahme, dass dieser wohl warten wird, da man selbst ja Vorfahrt hat, nähert man sich also mit unverminderter Geschwindigkeit. Ein Fehler, denn kurz vor Erreichen dieser kritischen Stelle entsteht im Hirn des wartenden Fahrers ein perfider Plan, der mit den Worten “Das schaff’ ich noch!” auch direkt in die Tat umgesetzt wird.

Er gibt Gas, doch leider nicht genug. Denn nachdem er seinen rollenden Schrotthaufen vor dem eigenen Gefährt um die Kurve und somit gleichzeitig auf die Hauptstraße und in den Weg gehievt hat, vergisst er leider, dass Gaspedal weiter Richtung Ölwanne zu bewegen und ruckelt mit geschätzten 22 km/h vor einem her. Die Differenz von etwa 30 km/h in Sachen Geschwindigkeit führt dazu, dass man innerhalb kürzester Zeit den Hersteller des Endschalldämpfers des Vordermanns einwandfrei entziffern kann, das eigene Bremspedal fast durch die Bodengruppe jagt, den Blinkerhebel beim Betätigen der Lichthupe fast abreißt und durch die Schläge auf die Hupe beinahe den Airbag auslöst!

Nach einem flüchtigen Blick in den Rückspiegel, um zu kontrollieren, wer denn da hinter ihm so einen Lärm verursacht, bemerkt der andere Verkehrsteilnehmer seinen Fehler, schaltet hoch in den 2. Gang und der Wagen nimmt an Fahrt auf. Die erhobene Hand als entschuldigende Geste hindert einen selbst nicht, weiter zu fluchen und ebenfalls wild, wenn auch nicht ganz so freundlich, zu gestikulieren.

Auf der Autobahn

Den letzten Schock kaum verdaut geht es auf die Autobahn. Wir befahren deren linke Spur ungefähr mit Richtgeschwindigkeit (130 km/!) und überholen dabei einige LKW. Wegen mangelnder Leistung des eigenen Gefährts freuen wir uns über diese irrsinnige Geschwindigkeit, die wir immerhin schon nach grob geschätzten 13 Kilometern gerader Strecke erreicht haben.

Kurz vor Erreichen des nächsten Objekts, welches es zu überholen gilt, zieht ein älterer Hutträger mit seinem Opel Vectra A Fließheck auf die Überholspur, um den vor ihm fahrenden Lastzug mit einem Geschwindigkeitsüberschuss von rund 9 km/h, den er sich im Windschatten des LKW vermutlich hart erarbeitet hat, zu überholen. Nach einem mehr oder minder beherzten Bremsmanöver unsererseits, dauert es gefühlte 15 Minuten bis der Vectra mit seinem Hinterteil das Fahrerhaus des mittlerweile mit Lichthupe Signal zum Einscheren gebenden Brummifahrers passiert hat.

Doch nun folgt das nächste Mysterium: Als der ältere Herr kurz nach dem Erwachen aus seinem Mittagsschläfchen endlich den Blinker rechts betätigt und wir vorsorglich schon mal einen Gang zurück geschaltet haben, wechselt dieser zurück auf die rechte Spur und wir geben Gas. Er allerdings auch. Sein PS-Vorteil führt dazu, dass wir eine Ewigkeit brauchen, um mit ihm auf gleiche Höhe zu ziehen und ihn schlussendlich wild gestikulierend zu überholen, während uns mittlerweile ein Audi S6 Kombi am Heck klebt und nicht ganz so fröhlich wie der LKW-Fahrer zuvor mit der Lichthupe hantiert. Der Vectra-Opa bekommt von all dem natürlich nichts mehr mit, da er sich im Windschatten eines Sattelzuges bereits den nächsten Geschwindigkeitsüberschuss erarbeitet. Viel Erfolg!

2 Gedanken zu „Falsche Geschwindigkeit – oder: Autofahreralltag

  • 12. August 2012 um 09:31
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    Tja. Gelassenheit im Strassenverkehr ist mittlerweile ein Fremdwort. Davon nehme ich mich selber auch nicht immer aus.

    Ein Aufreger läßt sich halt nicht immer verhindern. Den Großteil meines Lebens verbringe ich schließlich auf der Strasse.

    Seit einiger Zeit hinterfrage ich mein Verhalten allerdings immer öfter. Warum aufregen? Der andere ist irgendwann weg und ich sehe den wahrscheinlich nie wieder.

    Dazu kommt, auch ich mache Fehler – und über diese regen sich andere auch auf. Was bleibt ist eine ausgleichende Gerechtigkeit…

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    • 12. August 2012 um 09:34
      Permalink

      Da hast Du sicherlich Recht. Es kommt auch ein wenig auf die Situation und Laune an, in der man selbst sich gerade befindet. Und mittlerweile werde sogar ich ruhiger und das will schon etwas heißen!

      Antwort

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